Bildung vom Kind her denken

Bildung vom Kind her denken

Donnerstag, 25. Oktober 2018
19.00 Uhr bis 21.00 Uhr

Immer häufiger liest man von überforderten Kindern und Burnout-Diagnosen im Primarschul-Alter. Dahinter verbergen sich oft Unsicherheit und Zukunftsängste. Prof. Remo H. Largo liefert mit seinem Fitprinzip einen Gegenentwurf zum Leistungsdruck im Klassenzimmer.

Wir leben in einer Gesellschaft, die von Schnelllebigkeit, von Karriere- und Leistungsdruck geprägt ist. Immer begleitet uns die Angst zu verlieren, was wir uns in unserer Wohlstandsgesellschaft erarbeitet haben. Immer wollen wir noch mehr erreichen und noch besser werden! Diese Grundhaltung prägt die Erziehungsarbeit: Schulen möchten die Kinder möglichst schnell und möglichst umfassend auf die Herausforderungen des späteren Berufslebens vorbereiten. Eltern sehen es als ihre entscheidende Aufgabe in der Erziehung, ihren Kindern eine Grundlage zu bereiten. Eine Grundlage, um erfolgreich zu schein, um «es zu schaffen», um es einmal besser zu haben.

So ehrenhaft dieser Anspruch auch sein mag: In unserer heutigen Zeit setzt er den Massstab höher denn je. Spätestens die mehr schlecht als recht überstandene globale Finanzkrise hat uns vor Augen geführt, wie fragil unser Wohlstand in Wahrheit doch ist. Das weltweite politische und soziale Gefüge ist momentan alles andere als geeignet, uns Sicherheit zu vermitteln. Eine Garantie jedweder Art an künftige Generationen können wir heute kaum mehr aussprechen. Förderwahn und Burnout-Diagnosen schon im Vorschulalter sind die direkten Folgen davon. Doch wo bleiben da die Kinder, die doch eigentlich lernen sollten, sich selbst gerecht zu werden und Selbstvertrauen zu entwickeln? Mit dieser Frage beschäftigt sich Prof. Remo H. Largo, Kinderarzt und Buch-Autor (u.a. «Babyjahre» und «Kinderjahre»). Er warnt ausdrücklich davor, Kinder zu stark unter Druck zu setzen: «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.»


Bildung im Gespräch: Remo Largo 

Datum: 25. Oktober 2018
Uhrzeit: 19 bis ca. 21 Uhr
Ort: FG Basel, Mensa, Scherkesselweg 30, 4052 Basel
Thema: Bildung vom Kind her denken


Hier kommt das Fitprinzip ins Spiel, welches Remo Largo in seinem Buch «Das passende Leben» vorstellt. Jeder Mensch ist einzigartig, ein Individuum. Übertragen auf Kinder und Jugendliche (Menschen!) heisst das, dass Bedürfnisse und Fähigkeiten von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sind. So können die einen als 3- bis 4-Jährige schon lesen, während andere noch als Erwachsene kaum dazu fähig sind. Das eine Kind ist sprachlich und sozial sehr kompetent, nicht aber motorisch und beim Rechnen, und bei einem anderen Kind ist es gerade umgekehrt. Ebenso verhält es sich mit den Grundbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen: Dem einen Kind dürstet nach Geborgenheit, während das andere lieber seine Begabungen ausleben möchte.

Jedes Kind ist einzigartig

Wie können nun Elternhaus und Schule die Kinder dabei unterstützen, ihre Individualität zu leben? Eltern und Lehrpersonen sollten ihr Augenmerk verstärkt daraufsetzen, das Kind in seiner Individualität wahrzunehmen. Welche Bedürfnisse und welche Fähigkeiten hat dieses Kind? Als Erwachsene wissen wir nur allzu gut, dass die Ausprägung unserer individuellen Bedürfnisse, Kompetenzen und Vorstellungen wesentlich mitbestimmt, wie wir leben wollen. Genau so einzigartig wie wir sind, ist meist auch unser Lebensweg. Solange wir in einem gegebenen Rahmen unsere Bedürfnisse und Kompetenzen ausleben können, führen wir ein zufriedenes Leben. Allzu oft vergessen wir im Umgang mit Kindern und Jugendlichen aber genau diese Tatsache. Manche Eltern setzen mit guten Absichten auf Förderung, wenn auch gelegentlich an den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Kinder vorbei. Frühförderung dank Pampers-Kursen in Mandarin? Ist das sinnvoll? Nur bedingt. Largo sagt dazu: «Ein Kind wird ja auch nicht grösser, wenn es öfter gefüttert wird, nur dick.» Er bringt damit zum Ausdruck, dass Kinder anfangen, sich gelähmt und überfordert zu fühlen, anstatt dass sie in ihren Stärken und Schwächen erkannt werden. Sie dürfen also eigentlich nicht ihr Leben leben, sondern werden in hohem Masse fremdbestimmt.

Vertrautheit und Vertrauen

Largo schlägt eine Schule vor, in der die Kinder in ihrem eigenen Tempo lernen dürfen. Eine Schule, die die Kinder lernen lässt und nicht belehrt. Eine Schule, die die Stärken der Kinder stärkt und ihre Schwächen akzeptiert. Dieser Ansatz ist eine Herausforderung und es stellt sich die ganz konkrete Frage nach der Umsetzung. Heutige Schulsysteme setzen noch immer mehr auf Konformismus und Gleichschaltung und weniger auf Individualität. Ganze Schulzentren werden ins Leben gerufen und anonyme «Grossschulen» zusammengezogen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist dies sicherlich ein gesunder Ansatz. Ist er aber auch kindsgerecht? Eine wichtige Grundvoraussetzung für Schulen, die den obigen Ansatz verfolgen wollen, ist es, Vertrautheit zu schaffen. Es braucht das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Dazu eignen sich grundsätzlich Gemeinschaften, die von einem Miteinander statt einer Massengesellschaft geprägt sind. Damit wird gleichsam klar, dass ein Schulsystem, das vermehrt zur individuellen Förderung aufruft, sich im Spannungsfeld zwischen Individualität, Gemeinschaftssinn und Solidarität bewegen muss. Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder ist der zweite wichtige Baustein, was nichts anderes heisst, als ein Kind so zu akzeptieren, wie es ist.

Wo stehen wir als FG Basel?

Mit unseren Schulkonzepten «Alles unter einem Dach» und «Lernen im eigenen Tempo» haben wir in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, unsere Schule in diese Richtung weiterzuentwickeln. Unsere Schule bleibt in einer Grössenordnung, die eine familiäre Gemeinschaft ermöglicht. Mit klassenübergreifenden Strukturen, einer individuellen Lernzeit, überblickbaren Klassengrössen, einer persönlichen Begleitung und einem durchlässigen System zwischen den Stufen fördern wir die Kinder in ihrer Entwicklung. Unser Ansatz ist es, den Kindern die Möglichkeit zu geben, einen Weg zu finden, wie sie ihre Fähigkeiten in einer komplexen Umwelt leben können.

Wir sind gespannt auf die Ausführungen von Herrn Remo H. Largo im Rahmen seines öffentlichen Referats am 25. Oktober 2018 am FG Basel.
Hier geht es zum Veranstaltungshinweis.